Anopoli

Heimstatt des Daskalojiannis

von Margaretha Rebecca Hecht Hopfner

Wer ihm gegenueberstehen will, dem legendaeren Helden der Sfakia, den die Kreter Daskalojannis nennen, der muss sich schon auch ein wenig abmuehen und - so er mit dem Auto unterwegs ist - die steil emporkletternden Serpentinen von Chora Sfakion nach Anopoli bezwingen. Von 0 auf cirka 600 Meter windet sich ein schmales, asphaltiertes Straesschen, das an keiner Stelle ueber die noetige verkehrstechnische Sicherung verfuegt, hingegen allerdings an beinah jeder Stelle den Blick in den Abgrund freigibt, welcher bei stehendem Auto und in Ruhe genossen einen traumhaft schoenen Panorama-Blick auf Chora Sfakion, seine Umgebung und das Lybische Meer gewaehrt. Mit fast heldenhaftem Mut habe ich also, die Augen auf die Strasse geheftet, die Haende um das Lenkrad meines Gefaehrts geklammert wie um eine Halterung im ueberhaengenden Fels, in der Hoffnung, dass mir kein uebergrosses Auto entgegenkommt, ich nicht so langsam fahre, dass ich ins Rutschen gerate, kein Schaf mir vor den Kuehler laeuft und ich nicht schwindlig werde beim Blick ueber den Strassenrand, den Gewaltakt dieses Anstieges geschafft ...

Und dann sah ich ihn schon von weitem, mitten auf dem Dorfplatz, in Marmor gehauen, majestaetisch sich erheben vor dem Hintergrund der Lefka Ori, ganz Kreta im Blick: Joannis Vlachos mit buergerlichem Namen, genannt Daskalojiannis, was so viel heisst wie "Lehrer Jannis", der wohl beruehmteste unter den zahlreichen kretischen Freiheitskaempfern.

Ein reicher Schiffsreeder war er, der die Welt bereiste, mit ausgezeichneten Beziehungen zu angesehenen Griechen seiner Zeit und wohl ueber diese zur Grossmacht Russland. 1770 fuehrte er auf dem Hintergrund der tuerkisch-russischen Kriese und vermutlich als Teil des sogenannten Orlofschen Planes - Theodor Orlof war der Gesandte Katharinas der Grossen auf dem Peloponnes - einen grossen Aufstand der Sfakioten gegen die tuerkische Besatzungsherrschaft an. "Die Plaene von Daskalojiannis zu einer revolutionaeren Befreiungsbewegung auf Kreta mit Hilfe Russlands standen im Einklang mit dem politischen Klima und dem Zeitgeist dieser Epoche." (Theocharis E. Detorakis) Zunaechst konnten sich die Kreter wieder befreien. Insgesamt betrug die "Gesamtstaerke der sfakiotischen Kraefte nicht mehr als 2000 Mann" (Detorakis). Und nur 200 kretischen Widerstandskaempfern gelang es beispielsweise, den Durchzug eines zahlenmaessig bei weitem ueberlegenen tuerkischen Heeres durch die Samaria-Schlucht zu verhindern. Wuchtig fiel die Eiserne Pforte, die Sidero Portas, in Schloss, und die Samaria gab 4000 Einheimischen Schutz und Zuflucht. Allerdings mussten sich die Kreter schliesslich doch der tuerkischen Uebermacht ergeben, und mit einer Kriegslist - so wird behauptet - konnte der Daskalojannis aus seinem Versteck in den Bergen nach Chania gelockt werden: der Pascha von Chania hatte ihm naemlich zuvor Friedensverhandlungen in Aussicht gestellt. "Daskalojiannis ergab sich zusammen ergab sich zusammen mit seinen treuesten Mitkaempfern. Der Pascha bestrafte ihn furchtbar: Er befahl am 17. Juni 1771, dem Daskalojiannis die Haut bei lebendigem Leibe abzuziehen. Es wird behauptet, die Tuerken haetten seinen gefesselten Bruder Nikolo Sgouromalis gezwungen, dieser schrecklichen Tortur beizuwohnen. Nach der Ueberlieferung konnte Nikolo diesen Anblick nicht ertragen, verlor seinen Verstand und starb in geistiger Umnachtung." (Detorakis)

Wenn wir also vor dem Denkmal in Anopoli stehen und wann immer wir dem Freiheitsgesang der koeniglichen Menschen Kretas lauschen und ihre Vision von einem Leben in Wuerde und Ehre erschauen, sollten wir niemals vergessen, welch unerhoert hohen und grausamen Preis sie fuer ihren gelebten Traum bezahlt haben, immer und immer wieder ... Jahrhunderte hindurch. Welch unglaublicher und durch nichts zu bezwingender Todesmut, welch unbeirrbare, ja wilde Entschlossenheit und unendliche Tapferkeit von uns Menschen gefordert wird, wenn Freiheit Wirklichkeit werden soll, und dass diese so heiss ersehnte Freiheit auch unser hoechstes Gut einfordert, unser letztlich zerbrechliches und so leicht zerstoerbares Leben. Darin ist der Daskalojiannis, der Lehrer Jiannis, den Kretern zum grossen Vorbild, zum Wissensvermittler und Richtungweisenden geworden. Seine Lehre ist ihnen heilig und seinem Blick halten sie stand ...

Folgenden Werken habe ich wichtige Hinweise fuer diesen Text entnommen:
Detorakis, Theocharis E.: Geschichte von Kreta. Heraklion. 1997.
Brinke, Margit und Peter Kraenzle: Kreta. Reise Know-How. 2. Aufl. Bielefeld. 2000.
Die Schlucht von Samaria. Heute und gestern. Ein vollstaendiger Wanderfuehrer. Athen. o.J.

M.R. Hecht Hopfner. Wien. 2023. Alle Rechte vorbehalten.

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