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Exo Moulinana Minoisches Erbe lebt
von Margaretha Rebecca Hecht Hopfner |
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Nach einem Besuch der minoischen Palastruinen in Kato Zakros tags zuvor ueber Palekastro an der Ostkueste Kretas kommend und nach einem Zwischenstopp in Sitia fuer einen Besuch in seinem Archaeologischen Museum bin ich auf der kurvenreichen Strasse durch das Ornos Gebirge hoch ueber dem Meer in Richtung Agios Nikolaos mit dem Auto gefahren. Bereits zwei Jahre zuvor war mir auf einem Ausflug in umgekehrter Richtung die im Vergleich zu Westkreta so andersartige karge Schoenheit der Landschaft aufgefallen: Oleander und Ginster saeumen die Strasse, ihr Charme verstroemt in die Vegetationsarmut der Huegel und Gebirge, Bergdoerfer hocken mitunter - wie Gournia weiter westlich schon zu minoischen Zeiten - auf Huegelkuppen, zeigen sich frei und sind weithin zu sehen: Lastros etwa und 13 km von Sitia entfernt wie selbstverstaendlich sich ueber einen Abgrund erhebend Exo Mouliana.
Dieses Mal erhaschte mein schweifendes Auge trotz Konzentration auf die sichere Fahrt einen Blick auf das direkt von der Strasse aus zu sehende Denkmal in Exo Mouliana: Ein etwa mannshoher um ein Kultbecken und zu diesem hin von mehreren Seiten geoeffneter und doch rundgeschlossener eckiger grauer Steinbau thront inmitten der Platia . Zahllose Partisanendenkmaeler hatte ich in den Doerfern Kretas schon gesehen, hier aber zwang mich eine Doppelaxt zum Stehenbleiben. Ganz recht hatte ich erkannt, zentrale Symbole der minoischen Welt wie die Doppelaxt, die vermutlich einst als bedeutendstes Kultinstrument im geistigen Mittelpunkt einer ganzen Kultur stand, und die achtblaettrige Margarite, wohl ein Sinnbild fuer das Leben, waren an exponierten Stellen auf einem offensichtlich modernen Artefakt zu sehen, welches dieses Dorf zur Darstellung seiner geistigen Orientierung und Identitaet vor sich und uns hinstellt.
Ich machte also einen ungeplanten Halt, direkt vis a vis dieser Plastik und ein paar Schritte nur entfernt vom Freiluftkafenion in unmittelbarer Nachbarschaft unter einer riesigen Tamariske. Schon in der Zeit, die ich im Auto sass und meine Kamera fuer ihren Einsatz bereitmachte, musste ich den Maennern unter dem Baum, die ich lediglich als dunkle Silhouetten wahrnahm, aufgefallen sein, denn als ich mit dem Fotographieren des Denkmals begann, kam ploetzlich einer auf mich zu und bedeutete mir, dass er genau damit in Zusammenhang zu bringen sei. Vielleicht war es gar der Kuenstler selber, der sich offenbarte, vielleicht wollte mir der Buergermeister des Dorfes zeigen, dass er fuer die Aufstellung dieser Sehenswuerdigkeit verantwortlich sei. Mangels ausreichender Kenntnis des Griechischen - ich gestehe dies zu meiner offenkundigen Schande - war mir nicht moeglich, Naeheres zu seiner Person in Erfahrung zu bringen. Allerdings liess er sich bereitwillig von mir gemeinsam mit dem Werk abbilden und lud mich danach vollkommen unaufdringlich, denn er setzte sich sogleich wieder zu seinen Freunden in den Schatten, auf ein Getraenk ein.
Waehrend ich meinen griechischen Kaffee - metrio - schluerfte, ereignete sich dann eine jener Begegnungen mit kretischen Menschen, die wie kleine Sternenfunken immer wieder in meiner Erinnerung aufleuchten: Ein Kreter naeherte sich meinem Tisch und legte wortlos das Geld fuer meine Bestellung vor mich hin. Gar nichts wollte er von mir, er wollte mir nur sein unendlich grosses gastfreundliches Herz zeigen. Natuerlich musste ich ihm bedeuten, dass ich bereits eingeladen sei. Ahnliches hatte ich schon beim rastenden Verweilen in anderen kretischen Doerfern erlebt: In Gerakari einmal, da mir einfach so, ebenfalls schweigend, Manolis - den Namen vernahm ich aus einem Gruss, der ihm galt - eine Handvoll Amari-Kirschen auf das Tischchen legte und gleich wieder verschwand, in Lefkogia, als ich mit Marillen im Voruebergehen beschenkt wurde, oder in Anogia, wo Zouboulia Xilouris, die Schwester der beruehmten Xilouris-Brueder persoenlich mir ihr bis dahin voellig Unbekannter eine Mahlzeit servierte und mich schliesslich noch mit Reiseproviant versorgte ... Philoxenia ... Wir Fremde begegnen ihr nicht mehr in dieser reinen, aus der Antike ueber die Jahrtausende tradierten Form, wenn wir in den touristischen Zentren Kretas bleiben. Ich durfte ihr begegnen, weil ich in die Doerfer ging und ein wenig blieb, schwieg, schaute, mit Kreta atmete und Menschen zulaechelte, absichtlos gluecklich ueber mein Da-, Dort- und Mit-Ihnen-Sein ...
Die Menschen Ostkretas sehen sich als Eteokreter, will heissen, dass sie davon ueberzeugt sind, direkte Nachfahren der alten Minoer zu sein. Historisch erwiesen ist, dass im Gefolge des stufenweisen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ein- und Zusammenbruchs der minoischen Kultur um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends, die durch die wissenschaftlich, archaeologisch festgestellte Zerstoerung aller minoischen Palaeste um 1450 v. Chr. eingeleitet wurde, die Minoer sich verstaerkt im Osten der Insel ansiedelten und dort noch Jahrhunderte ihren alten Traditionen treu blieben. Kaum ein anderes Terrain Kretas weist eine so starke Dichte an archaeologischen Staetten aus dieser Zeit auf. Es wird gesagt, dass die Menschen im Osten auch heute in ihrer Mentalitaet grundsaetzlich andere seien, als jene im Westen: Im Gemuet zart und weich, von auffallend zuvorkommender Hilfsbereitschaft und taenzerischer Leichtigkeit im Wesen, stets ein liebevolles Laecheln als Geschenk an das Leben bereithaltend. Genau diese so gepriesenen Eigenschaften habe ich nun schon zum wiederholten Male auf meinen Ausfluegen angetroffen. Hier konnte ich im Unterschied zu Westkreta keine durchschossenen Strassenschilder sehen, in Ierapetra habe ich das Delfindenkmal am Hafen angetroffen - Delfine waren schon in minoischer Zeit ein Symbol Freundschaft - , im Nachbardorf von Exo Mouliana wurde mir von einem Kreter an einer Tankstelle auf meine Frage nach der Funktionstuechtigkeit der Signalanzeigen auf dem Armaturenbrett geduldig die gesamte Funktionsweise des "Bordcomputers" erklaert, und in Exo Mouliana bin ich vor ein Denkmal getreten, mit dem heute lebende Kreter bewusst minoischen Geist in ihr alltaegliches Leben eintreten lassen, sich erinnern an das Erbe, auf dessen Fundament nicht nur sie selber dort im Dorf stehen, sondern auf dem unser Kontinent Europa ruht.
Der Odem einer anderen Zeit hat mich in Exo Mouliana angehaucht, denn in diesem Land und seinen Doerfern im Osten Kretas laechelt uns allgegenwaertig der guetige und gerechte Minos zu. Die Kraft der Grossen Mutter durchdringt Himmel, Erde und Meer ... und schenkt Leben ... immer ...
Anmerkung: Eine weitere Sehenswuerdigkeit in Exo Mouliana, zu der ich allerdings waehrend meines sehr kurzen Aufenthaltes nicht vordrang, ist die byzantinischen Kirche Afentis Christos (Metamorphosis) aus dem 14. Jahrhundert.
M.R. Hecht Hopfner. Wien. 2023. Alle Rechte vorbehalten. |
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