Malia

Dem dunkelwogenden Meer zugewandt

Immerwaehrend

von Margaretha Rebecca Hecht Hopfner

"Kreta ist ein Land inmitten des weinroten Meeres,
Schoen und ertragreich und wellenumflutet; es leben dort Menschen
Viele, ja grenzenlos viele in neunzig Staedten, doch jede
Spricht eine andere Sprache ... "
Homer, Odyssee, Neunzehnter Gesang

Wie es eben mit allen wichtigen historischen Orten und Staetten ist: Sie ziehen jene immer und immer wieder an, die ihrer heimlich wirkenden Zauberkraft erlegen sind, die tiefer vordringen wollen in das, was heute augenfaellig vor einem ist und davon Zeugnis ablegt, was einmal gewesen ist und gewesen sein koennte. Genauso ergeht es mir mit den archaeologischen Ueberresten in Malia, direkt an der Kueste oestlich von Heraklion situiert, zu Stein gewordene Geschichte wie das Dikti-Gebirge im Hintergrund. Bereits zweimal habe ich das Ausgrabungsgelaende der zweitgroessten minoischen Palastanlage auf Kreta besucht und werde dies wohl in Zukunft noch oefters tun. Besonders wertvoll macht an dieser Anlage der Umstand, dass bei ihrer wissenschaftlichen archaeologischen Erschlissung - im Gegensatz zum weltbekannten Knossos bei Heraklion, wo einer sogenannten "Rekonstruktion" mit Beton und Farbe kraeftig nachgeholfen wurde, was zur Folge hatte, dass auf diese Weise wertvolle Originalinformationen fuer immer verloren gingen - , dass also hier von den Wissenschaftern groesster Wert auf die Erhaltung des "Ur"-Zustandes gelegt wurde und somit das, was wir heute zu sehen bekommen, tatsaechlich der antiken Originalstruktur entsprechen duerfte.

Der Mythos berichtet, dass in diesem minoischen Zentrum Sarpedon regiert habe, ein Bruder des Minos, Koenig von Knossos, und des Rhadamanthys. Der Name der antiken Stadt war nach Ansicht mancher Forscher moeglicherweise Tarmaros, denn dieser Name ist als Ortsname nahe dem Ausgrabungsgelaende bekannt und koennte seinerseits mit den kleinasiatischen Ortsnamen Termeros und Termissos in Verbindung stehen; dorthin wurde der Sage nach Sarpedon nach einem Streit mit Minos verbannt. Die Ortsbezeichnung "Malia" kam erst unter den seit dem 13. Jahrhundert auf Kreta herrschenden Venezianern in Gebrauch und leitet sich vom Attribut "omalos - omalion" her, was so viel wie flach bedeutet. Dabei erinnern wir uns daran, dass eine der bekanntesten Hochebenen Kretas in den Lefka Ori, von wo aus bei Xyloskalo in die Samaria-Schlucht eingestiegen werden kann, ebenfalls Omalos heisst.

Erste Hinweise auf die Existenz archaeologischer Kostbarkeiten so nah am kretischen Meer und dem dazugehoerigen Umland lieferte eine Mitteilung des Admirals Spratt aus dem 19. Jahrhundert ueber Goldplaettchen aus dem Ort "Elliniko Livadi" sowie zufaellig hier entdeckte Funde am Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Kreter Joseph Hazidakis fuehrte die ersten Grabungen im Jahr 1915 durch und entdeckte dabei "die suedliche Haelfte des westlichen Palastes ... und Graeber am Strand" (Vassiliakis, Malia, S.38). In der Folge erwarb die franzoesische archaeologische Schule in Athen, die "Ecole Archaeologique Francaise d'Athenes", die Ausgrabungsrechte fuer das Gelaende und foerderte den kretisch-europaeischen Kulturschatz in systematischer wissenschaftlicher Arbeit zu Tage, die bis heute andauert. "Die Feindatierung der Anlage wird dadurch erschwert, dass es scheinbar in der Bluetezeit dieser Stadt ... keine eigene Keramikproduktion gab, sondern Kamares-Ware aus Knossos und Festos importiert wurde." (Brinke/Kraenzle, Kreta, S. 315)

Die Spatenstiche in die Geschichte Kretas, welche auch solche in die Ur-Gruende der Geschichte Europas sind, legten sowohl ein minoisches Palastareal frei, das einen in seiner Grundstruktur vollstaendig erhaltenen Palast aus der sogenannten Juengeren Palastzeit (ca. 1700 bis 1450 v. Christus) wie auch Reste des alten Palastes (ca. 1900 bis 1700 v. Chr.) umfasst, und des weiteren ein in seiner siedlungsgeschichtlichen Kontinuitaet bis ins Neolithikium zurueckreichendes menschliches Siedlungsgebiet. Allein das Areal des Neuen Palastes dehnt sich ueber eine Flaeche von 9000 m2 aus. Hier wurden beruehmte Artefakte gefunden, darunter das Schwert mit goldenem Griff, auf dem die rundgekruemmte Gestalt eines Akrobaten eingearbeitet ist, und Tontaefelchen mit Hieroglyphenschrift. Im Graeberkomplex bei Chrysolakkos wurden die beruehmten "Bienen von Malia", ein goldener Schmuckanhaenger, entdeckt. All diese Kunstgegenstaende sind heute im Archaeologischen Museum in Heraklion zu bewundern und bereichern seine einmalige Sammlung von weltgeschichtlicher Bedeutung.

Der Palast selbst weist die fuer die kretisch-minoischen Palaeste typische raeumliche Gliederung auf: Um einen an einer Nord-Sued-Achse ausgerichteten Zentralhof, in dessen Mitte in Malia ein exponierter Altarbereich freigelegt werden konnte, gruppieren sich vier Gebaeudefluegel, die saemtliche funktionellen Einheiten eines minoischen Palastes enthielten: Raeume und Gegenstaende fuer den Kultus, Repraesentationsraeume, eventuell koenigliche Wohngemaecher, Lichthoefe, Magazine und Werkstaetten. Besondere Aufmerksamkeit zieht ein im Original erhaltener kreisrunder Kernos mit schaelchenartigen Vertiefungen auf sich. Ganz sicher sind die Wissenschafter nicht, aber sie vermuten, es habe sich dabei um eine Opfervorrichtung fuer rituelle Dankfeste gehandelt; in den kleinen Mulden koennten Samen verschiedener als wertvoll angesehener Kulturpflanzen der Gottheit als Erntedank dargebracht worden sein. All das laesst den Schluss zu, dass Kreta - wie Homer berichtet - einst von ausserordentlichem kulturellem Reichtum gesegnet war, den es an Orten wie Malia mythisch-religioes fundierte, kultisch ueberhoeht praesentierte und kommunal verwaltete.

Um zum archaeologischen Gelaende zu gelangen, wo Meereswellen immer noch dunkelwogend das lichtueberflutete Ufer umarmen, muss allerdings das von ohrenbetaeubendem Laerm erfuellte, vom Brackwasser des Massentourismus aufgequollene und verunstaltete Malia durchquert werden. Ich will mir die Muehe gar nicht antun und all die Dinge aufzaehlen, die es hier in Huelle und Fuelle gibt und die ich ganz einfach nicht mag, weil mich jegliche Beruehrung mit derartiger kultureller - ich kann es nicht anders bezeichnen - Aberration schmerzt. Allen Goettinnen und Goettern des antiken Kreta sei Dank, dass sie wenigstens fuer drei Kilometer Abstand gesorgt haben zwischen dem neuzeitlichen Tosen und dem Ort antiker Gelassenheit und freudvoller Lebensbejahung.

Bereits im vorigen Jahr wurde mir die Gunst einer von mir nicht im vorhinein geplanten Stunde gewaehrt, denn gerade als ich auf dem historischen Gelaende eintraf, begann ein buchstaeblich begnadeter kretischer Fremdenfuehrer seine Ausfuehrungen zur Geschichte, und dies noch dazu in deutscher Sprache. Die knapp eineinhalb Stunden, in denen er wortgewandt, bilderreich und durch eindruecklichste gestische Ausgestaltung des Gesagten die Welt des minoischen Kreta vor unseren Augen auferstehen liess, vergingen wie im Flug, und alle, die ihm fasziniert auf diese Reise gefolgt waren, hatten schliesslich eine wesentliche Bereicherung ihres kulturhistorischen Wissensstandes erfahren. Auch im heurigen Jahr war er wieder zugegen und sein paedagogischer Enthusiasmus scheint ungebrochen. Ein Detail am Rande, das in diesem Zusammenhang nicht unerwaehnt bleiben darf, sei folgende Mitteilung des leidenschaftlich seiner Mission hingegebenen Wissensvermittlers: Woran, so fragte er heuer seine Zuhoerer, koenne denn gar zweifelsfrei erkannt werden, dass die heutigen Kreter in direkter Linie von den Minoern abstammen? Auch die Antwort auf diese Frage - und er beantwortet wirklich gewissenhaft und geduldig alle Fragen - wurde von ihm mit dem entscheidenden und absolut einleuchtenden Hinweis, der wohl jegliche weitere genealogische Erschliessung und Eroerterung sogar im Zeitalter der Genforschung ueberfluessig macht, selbstverstaendlich nicht vorenthalten: Es sei Faktum, und er muss es ja schliesslich wissen, dass so manche Gene der Kreter die Form von Doppelaexten besitzen ... Soll ich denn vielleicht einen Zweifel daran offenlassen, dass mich dieses Argument restlos ueberzeugt hat?

Immerwaehrend ... Noch so manches Mal wird mich mein historisches Interesse an die Ufer des minoischen Malia tragen, werde ich alte Salzluft einatmen, den gereiften Wein einer trostreichen Erkenntnis ueber den Menschen trinken und inmitten des Lichtes wandeln, das einst ueber Europa aufgegangen ist ...

Folgenden Werken habe ich wichtige Hinweise fuer diesen Text entnommen:
Vassiliakis, Antonis: Malia - Amnissos - Nirou Chani - Skotino - Chersonissos. Athen. o.J.
Vassilakis, Antonis: Kreta. Geographie Geschichte Museen Archaeologische Staetten und Monumente. Athen. o.J.
Fohrer, Eberhard: Kreta. Michael Mueller Verlag. Erlangen 2003.
Brinke, Margit und Peter Kraenzle: Kreta. Reise Know-How Verlag Peter Rump GmbH. 2. Aufl. Bielefeld. 2000.
Homer: Odyssee. Griechisch und deutsch. Uebertragen von Anton Weiher. Mit Urtext, Anhang und Registern. Einfuehrung von A. Heubeck. 7. Aufl. Artemis Verlag. Muenchen/Zuerich:1982.

M.R. Hecht Hopfner. Wien. 2023. Alle Rechte vorbehalten.

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