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Matala
Ein Kontinent erhaelt seinen Namen
von Margaretha Rebecca Hecht Hopfner |
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Matala an der Suedkueste Mittelkretas westlich des Asteroussia-Gebirges ist ein Ort mit geradezu magischer Anziehungskraft. Immer wieder bin ich waehrend meiner Reiserecherchen und in Gespraechen mit Kreta-Freunden auf Matala gestossen, stand seine Geschichte vor mir auf, die zum Ursprungsmythos unseres Kontinentes Europa reicht und den Bogen spannt bis hin zu einer besonderen Rolle als Sammelpunkt von Peace- und Flower-Kindern der Hippie-Generation, Zivilisationsmueden, Inspirationshungrigen und Rucksacktouristen in der zweiten Haelfte des 20. Jahrhunderts.
Gleich zu Beginn wollen wir dem grossen Mythos die Ehre erweisen und darauf aufmerksam zu machen, dass in der Bucht von Matala vor Urzeiten Goettervater Zeus in Gestalt eines Stieres mit der von ihm aus Liebe entfuehrten phoenizischen Prinzessin Europa auf seinem Ruecken an Land gegangen ist. Unter einer seither immergruenen Platane, die im Gebiet des nahen Gortyn immer noch steht, sollen Zeus und Europa den Minos gezeugt und so das kretische Koenigsgeschlecht der Minoer der Welt geschenkt haben. Der schoenen Europa verdankt unser Kontinent seinen Namen ...
Bereits im Neolithikum dienten die manuell einigermassen leicht zu bearbeitenden bis etwa 40 m hohen Sandsteinschollen zu beiden Seiten der Bucht von Matala den Menschen als Wohnstaette, indem sie Hoehlen aus dem Felsen schlugen und "mit Steinbetten, Feuerstellen und Durchbruechen zu anderen Hoehlen eine perfekte Wohnkultur" (Fohrer) schufen . In klassischer Zeit war die Naturbucht von Matala Hafen von Phaistos, ab 220 v. Christus Hafen von Gortyn. Nach Homer ist waehrend des Trojanischen Krieges auf ihrer Rueckkehr die Flotte des Spartanerkoenigs Menelaos am Kap von Matala zerschellt. 824 landeten hier Truppen der gefuerchteten Sarazenen unter Abu Hafs Omar. (Eberhard Fohrer) Westlich von Matala befinden sich die antiken Reste von Kommos, dem Hafen von Phaistos waehrend minoischer Zeit. Viele Touristen, die den wunderschoenen Strand von Kommos aufsuchen, schenken der 3500 Jahre alten historischen Staette, die direkt von der Strasse aus problemlos eingesehen werden kann, nicht die geringste Beachtung. Das allerdings tut der kulturellen Bedeutung der Anlage keinerlei Abbruch, sondern erzaehlt hoechstens von einer etwas abgeflachten diesbezueglichen Geistesverfassung der Vorbeieilenden.
Nach Matala - an eine der landschaftlich schoensten Buchten Kreta mit ihrer einzigartigen von den Felsformationen geschaffenen optischen Praegung - zog es im so kurz zurueckliegenden vergangenen Jahrhundert die so genannten Hippies in Scharen. Zu sich selber, zueinander, zu ihrer Kultur wollten sie finden und sich frei auszudruecken. Vielleicht ohne es zu beabsichtigen, kamen diese in der Regel jungen Menschen hierher, um an einen Ausgangspunkt unserer europaeischen Geschichte zurueckzukehren, die reine Luft eines Ursprungs zu atmen, um Kraft fuer ihren Neuanfang zu schoepfen. Die grossmuetigen Kreter haben es ihnen gewaehrt. Manche derart Zugewanderte nahmen Wohnung in den Hoehlen im Sandstein, in denen wie bereits angedeutet in den Anfaengen europaeischer Zivilisation Menschen lebten, die zudem in spaeteren Jahrtausenden bis hinein in christliche Zeiten auch als Grabstaetten genutzt wurden. Noch heute sollen der eine und andere uebriggebliebene" aus den Aufbruchstagen der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts dort leben und seinem Lebensmotto ueber die Jahrzehnte und bis in sein Alter treu geblieben sein. Die allermeisten Hoehlen, die unter dieser Form der Bewohnung auch Schaden genommen haben, sind inzwischen allerdings unter Denkmalschutz gestellt und koennen gegen Entrichtung eines Entgeltes besichtigt werden.
Heute hat Matala das Gesicht eines vorwiegend touristisch genutzten Ortes, allerdings nicht in jener riesenhaften Groessenordnung mit ueberdimensionierten Hotelkomplexen, die fuer die Region oestlich von Heraklion typisch ist. Aber auch in Matala reihen und stapeln sich Hotels, Appartements, Studios, Tavernen und Souvenirlaeden, quillt touristisches Leben aus allen Naehten, quirlt in den Gaesschen und faellt natuerlich auch den wunderschoenen Strand. Sonnenanbeter, Fun-Freaks, aber doch auch noch so manche Individualreisende, die auf der Suche nach dem "wahren" Kreta sind, geben sich und Matala die Ehre ... Und trotz Tourismus pur schwebt dennoch ueber allem ein wenig das Flair von einst, durchdringt den Aether, bringt unseren Geist zum Schwingen und laesst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen ...
Nach einem Tag anstrengender Autofahrt durch das Amari-Tal am Fuss des Psiloritis, vorbei an den beinah gleich hohen Gipfeln Mavri (1981m) und Nikita (1917m), wo sich in und mit ihnen das Haupt des Heiligen Stieres aus dem Ida erhebt, danach quer durch die Messara und das in gluehender Hitze, im Gedankenraum der alten Sage dahintraeumend wollte alles in mir Erfrischung trinken im Lybischen Meer, eintauchen in eine Geschichte ueber Liebe, Geburt, Namenzauber und Neubeginn. Nichts wie hinein in die rauschenden, gurgelnden, glitzernden, plaetschernden, wogenden, kuehlenden Fluten, das Gesicht einmal dem Meeresgrund, dann wieder der Sonne und dem Ufer zugewandt, von mildem Wind gestreichelt, eins werden mit dem Mythos in der Gegenwart ... Und nach einer herrlich langen Weile bin auch ich - wie einst Europa vom stiergestaltigen Zeus - auf den Wellenruecken der ewigen Wasser in Matala an Land getragen worden und habe meinen Kontinent gereinigt und erquickt aufs Neue betreten ...
Folgenden Werken habe ich wichtige Hinweise fuer diesen Text entnommen:
M.R. Hecht Hopfner. Wien. 2023. Alle Rechte vorbehalten. |
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